Mittwoch, 20. September 2017

Social Media und ich


Liebe Bücherwürmer,

heute geht es ausnahmsweise mal nicht um Bücher, sondern um ein anderes Thema, das mich nun schon einige Tage beschäftigt: Ich glaube, ich wäre ohne Social Media glücklicher.

Wie kam es überhaupt zu dieser Überlegung?

Vor einigen Tagen haben mein Freund und ich im Fernsehen eine Sendung geschaut, die bei uns nostalgische Gefühle hervorgerufen hat. Wir begangen, uns über unsere Kindheit zu unterhalten und vor allem auch darüber wie es war, ohne das Internet zu leben. Wir gehören beide zu der Generation, die noch panisch auf den roten Hörer gedrückt hat, wenn man aus Versehen auf den Internet-Knopf des Tastenhandys gekommen ist und die zum Recherchieren von Projekten den Computerraum der Schule in den Pausen nutzen musste. Meine Familie war sogar ein ziemlicher Nachzügler, was das Internet betrifft, weil meine Eltern es einfach nicht für notwendig gehalten haben.

Ich fing also an, mich an eine Zeit zu erinnern, in der ich mein Handy und das Internet so gut wie gar nicht genutzt habe, weil ich alles, was ich brauchte auf einem Fleck hatte: Familie, Freunde und Bücher. Wenn ich freitags aus der Schule kam, habe ich mein Handy weggelegt und erst Sonntagabend - ohne es bis dahin vermisst zu haben - wieder in die Hand genommen. Das Einzige, was darauf zu finden war, war vielleicht eine SMS einer Freundin, ob wir noch Hausaufgaben aufhaben.

Es gab also eine Zeit, in der ich so gut wie nie das Internet und damit Social Media-Kanäle benutzt habe. Und wisst ihr was? Ich glaube, ich war damals um einiges glücklicher und vor allem freier. In meinem Handeln. In meinem Denken.

Warum genau wäre ich glücklicher?


KEINE VERGLEICHE MEHR


Ich vergleiche mich andauernd. Ehrlich. Ich weiß, dass das nicht gesund ist und auch nicht der Sinn von Social Media-Kanälen, aber genau das tue ich dort: Ich vergleiche mich und auch mein Leben mit anderen. Jeden Tag. Als es kein Internet gab, hat man sich höchstens mal mit Freunden verglichen oder mit Mitschülern. Doch die damaligen Vergleiche beschränkten sich in meinem Fall auf Noten, Kleidung und Aussehen, letzteres vor allem in der Pubertät. Aber dieses ständige, schon fast alltägliche Vergleichen gab es nicht.

Da ich nun auch noch Teil der Buchblogger-Community bin, vergleiche ich mein Leseverhalten, meinen Stapel ungelesener Bücher, meinen Blog, meine Beiträge, meine Neuzugänge, meinen Kontakt zu Verlagen, usw. Es ist eine unendlich lange Liste. Früher habe ich einfach nur gelesen, egal wie viel. Ich glaube, ich habe befreiter gelesen.

KEIN ANGESPORNTES KONSUMVERHALTEN MEHR


Unglaublich, aber wahr: Früher habe ich höchstens 5 Mal im Jahr Bücher gekauft und da sind sowohl Buchhandlungsbesuche als auch Internetbestellungen dabei. Erstmal lag es daran, dass ich in einem kleinen Dorf gewohnt habe, das keine eigene Buchhandlung hat. Ich war also darauf angewiesen in die Stadt zu kommen, um Bücher zu shoppen. Als meine Eltern sich dann doch für das Internet entschieden hatten, kam noch Weltbild dazu, wo ich einmal im Jahr bestellt habe (ohne verurteilt zu werden, weil ich angeblich die Gesinnung von Weltbild unterstütze). Und ich war damit zufrieden. Nun werde ich durch Instagram, Twitter und natürlich andere Buchblogs andauernd aufmerksam auf Bücher. Verlagsvorschauen sind im Internet zu jeder Uhrzeit abrufbar. Wunschlisten explodieren. Der und die haben das Buch schon? Ich möchte mitreden und schon ist es bestellt. Früher habe ich mir weniger Bücher gekauft und war mit meinem kleinen SuB glücklich. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, eben weil ich es nicht wusste.


KEIN UNNÖTIGER PERFEKTIONISMUS NACH AUßEN MEHR


Vor allem auf Instagram wird der Perfektionismus gelebt. Noch nicht so ganz die richtige Wirkung? Filter drauf. Nicht schlank genug? Für das Bild wird fix der Bauch eingezogen. Unreine Haut? Photoshop richtet das und dann wird es mit einem Filter gepostet. Und ja verdammt, ich vergleiche mich mit diesen "perfekten" Menschen mit ihrem "perfekten" Leben, obwohl ich weiß, dass nie alles so ist wie es scheint. Und ich möchte mithalten. Ich verbringe manchmal wirklich Stunden damit, das richtige Foto zu schießen, es richtig zu bearbeiten etc. Wisst ihr, was ich früher gemacht habe, als sich noch keiner für solche gestellten Fotos interessiert hat? Ich habe gelesen, ich habe Sims gespielt, ich habe gebacken, ich habe geschrieben oder war spazieren. Früher habe ich meine Zeit noch sinnvoll genutzt, für meinen Seelenfrieden gesorgt und auch Dinge getan, die eben kein sinnvolles Ergebnis oder einen Mehrwert hatten.

NICHT JEDEN TAG EIN NEUES PROBLEM


Das ist wohl einer der Punkte neben den Vergleichen, den ich mir am meisten zurückwünsche: Ich wurde nicht jeden Tag mit Meckerposts jeglicher Art bombardiert. Es hat nicht jeder zu allem seine ungefilterte Meinung gepostet. Das vermisse ich wirklich. Natürlich ist es ein Pluspunkt des Internets, dass man sich austauschen kann, aber muss wirklich jeder zu allem etwas sagen? Jeden Tag? Müssen Themen bis in die kleinsten Fetzen zerrissen werden und wenn dann das Thema komplett zerrissen ist, die Menschen hinter den diskutierenden Accounts? Ich kann es nicht mehr sehen. Ohne Social Media gab es diese Hetze nicht.


KEIN DRUCK MEHR IMMER PRÄSENT ZU SEIN

Vor allem mit einer steigenden Followerzahl (Twitter) oder damit die Followerzahl steigt (Instagram) habe ich das Gefühl, immer präsent sein zu müssen. Jeden Tag möchten die Social Media-Kanäle bedient werden, Beiträge geteilt etc. Ich mache Dinge und überlege, wie ich das am besten in einen Tweet verpacken könnte. Ich bekomme ein Buch und überlege, wie es sich am besten in Szene setzen lässt. Ohne Internet und Social Media, habe ich diese Dinge einfach gemacht. Ich habe kein extra Foto von meinem Standort gemacht, um es zu teilen. Ich habe Momente nur für mich genossen, Bücher gekauft ohne sie zu fotografieren. Wie schon am Anfang des Beitrags erwähnt: Ich habe mein Handy übers Wochenende gar nicht angefasst und war nicht präsent, nicht erreichbar. Für niemanden. Und das war kein einsames Gefühl. Es war ein gutes Gefühl.

Und warum lösche ich nicht einfach alles? Kappe meine Verbindung zu allen Social Media-Kanälen? Ich kann es nicht. Ich bin ehrlich und kann daher nur sagen: Ich bin so weit, dass ich es nicht mehr kann. Und das liegt an euch. Genau. An dir! Ich würde euch vermissen, unendlich vermissen. Den Austausch, die Inspiration, das Teilhaben an eurem Leben. Twitter ist tatsächlich mein zweites Zuhause geworden. Ich teile so gut wie alles mit euch und ich bin immer froh, wenn ihr mir antwortet. Wir über Bücher reden oder sogar zusammen bei Arvelle Bücher bestellen! Aber meint ihr nicht auch, wir könnten alle mal einen Gang runterschalten?

Kommentare:

  1. Hi Ellen,
    bereits über Twitter hatte ich vor längerer Zeit mein 'Amen' verlauten lassen.
    Ich sehe mich in jedem deiner Worte. Vor allem als Kind der 80er. Da gab es das www noch nicht. Früher war eben doch so einiges besser. Man hat seine Aufmerksamkeit der Umgebung geschenkt. Davon träumt man heute leider.
    Das bemerke ich schon morgens auf dem Weg zur Arbeit. Anstelle beim gehen nach vorne zu schauen, glotzen die Leute auf ihr Handy und murren noch rum, wenn sie in dich reinlaufen. In der Bahn geht es weiter, das Starren auf das Display. Ich selbst lasse das morgens bewusst sein. Lieber packe ich dann mein Buch aus, oder schaue der Sonne beim aufgehen zu.
    In Bezug auf die Buchwelt/Bloggercommunity ebenfalls. Wie oft ich mich sich selbst runtermache, weil ich sehe wie dies und das von X und Y gemacht wird. Besser, schneller, weiter, höher. Das beginnt auf den Sozialen Netzwerken und wird in den Alltag transportiert.
    Früher haben wir Bücher beim stöbern noch entdeckt. Heute wühlen wir Blogs und Plattformen durch. Wieso? Weil man sich nicht mehr die Zeit nehmen kann/will.

    Deine Frage ist natürlich berechtigt. Wie kann man wieder mehr Achtsamkeit dem Hier und Jetzt widmen, ohne gleich aufs Smartphone zu gucken? Offline Zeit einplanen vielleicht. So nehme ich mir immer wieder vor, an einigen Abenden das Handy komplett auszustellen. Funktioniert sogar sehr oft...wenn ich es denn tue.

    Schlussendlich ist es leider eine Entwicklung unserer Gesellschaft. Und wir sind ja alle irgendwo Rudeltiere, die mit dem Strom schwimmen.

    Liebste Grüße,
    Sandy

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    1. Hallo Sandy :)

      Heutzutage scheint wirklich jeder immer erreichbar und online sein zu müssen. Mir ist das damals vor allem in meiner Ausbildung aufgefallen. Alle saßen zum Essen zusammen und beim Essen wurde auch gesprochen, aber sobald man fertig war, hatten alle ihr Handy in der Hand und scrollten Instagram, Twitter oder Facebook durch.

      Dass man Bücher nicht mehr wirklich entdeckt, stimmt leider. Vor allem als Blogger ist man immer über Neuerscheinungen infomiert und geht gar nicht mehr unvoreingenommen in den Buchladen. Manchmal vermisse ich die Zeit, in der ich Bücher noch nicht so konsumiert habe, sondern sie etwas Besonderes blieben. Natürlich liebe ich Bücher immer noch so wie vorher, aber manchmal erschlägt mich diese Masse an neuen Büchern, die bei mir einziehen oder auch die Masse an Büchern, die bei mir Zuhause rumsteht.

      Ich versuche mir mittlerweile auch bewusst Onlinepausen zu nehmen und würde mir wünschen, dass mehr Menschen das respektieren. Erst gestern habe ich gar nichts getwittert oder war nur ein paar Sekunden dort unterwegs. Tja, und schwupps habe ich 4 Follower verloren. Warum tun Menschen soetwas? Wieso müssen sie einen gleich mit einem Unfollow bestrafen, nur weil man mal nicht online war? Mag sein, dass diejenigen das nicht so meinten, aber für mich fühlt es sich dann eben so an.

      Liebste Grüße
      Ellen

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    2. Liebe Ellen,
      das mit der abbrechenden Kommunikation kenne ich auch. Wobei ich schon darauf achte, das Handy nicht am Anschlag zu haben, wenn ich Kollegen/Freunde treffe.
      Man selbst findet das ja auch unhöflich, wenn die Person einem gegenüber auf einmal dem Handy mehr Beachtung schenkt.
      Der Besuch im Buchladen überrrascht inzwischen leider nur noch selten, das ist wahr. Man ist auch viel mehr Komsument geworden und will erstmal nur "haben".

      Das mit den abgehenden Followern fällt mir auch immer wieder auf und finde es ähnlich furchtbar. Vor allem bei Instagram ist das sehr stark verbreitet. Sobald ich ein paar Tage kein aktuelles Bild poste, verliere ich gleich mehrere Follower. Wobei ich denke, das da der Algorithismus oft Schuld hat. Manches Mal folgen andere einem nämlich eigentlich nicht. Das ist dann eher Instagram (und bei Twitter auch vermehrter).
      Also, nehme es nicht unbedingt persönlich.

      Viele liebe Grüße,
      Sandy

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    3. Ja, genau das versuche ich auch. Aber wenn dann plötzlich jeder sein Handy in der Hand hat, greift man irgendwie automatisch dazu, weil man sich plötzlich irgendwie allein oder ausgeschlossen vorkommt ... Ich habe das erst letzte Woche wieder gemerkt. Wir waren von der Arbeit aus essen und eigentlich hatte niemand ein Handy auf dem Tisch, was ich auch gut finde. Dann kam aber ein Anwalt dazu, der das sofort auf seinen Platz gelegt hat und auch während der Gespräche damit rumgespielt hat. Das fand ich wirklich sehr unhöflich.

      Ich muss gestehen, dass ich Bücher weniger konsumieren würde, wenn sie länger verfügbar wären. Heutzutage ist alles so schnelllebig, dass Bücher fast genauso schnell vom Markt verschwinden wie sie auftauchen, wenn es sich nicht unbedingt um Bestseller handelt. Da muss man als Vielleser schon ziemlich schnell zuschlagen, bevor man die Bücher nicht mehr bekommt. Das finde ich einfach traurig. Mein aktuellstes Beispiel ist der dritte Teil der Reihe 'Töchter des Mondes - Schicksalsschwstern'. Es ist 2015 als HC erschienen und nun nicht mehr als Print verfügbar. Wie schnell soll man denn bitte alle Bücher kaufen, die einen interessieren?

      Liebste Grüße
      Ellen

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